Das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom PDF Print E-mail
Der liebe Gott weiß, daß ich kein Engel bin,
so'n kleiner Teufel steckt doch in jedem drin!
Der liebe Gott weiß, daß ich kein Engel bin
Aber das mit dem Himmel kriegen wir schon hin.
  (Rheinisches Karnevalslied)


Die Gewißheit, trotz mancher Fehler ganz nett und im Ernstfall "himmeltauglich" zu sein, ist für Menschen eine Quelle von Kraft und Lebensmut.


Aber was passiert, wenn ein Mensch immer wieder zu hören bekommt, daß er schwierig, unangepaßt, aggressiv sei? Wenn er als chaotisch und zerfahren gilt? Oder als Tagträumer und Faulpelz ? Als Kreuz seiner Angehörigen und seiner Kollegen. Und wenn diese Einschätzung durchaus eine Realität beschreibt, die für den Betreffenden, der sich alle Mühe gibt zu funktionieren, nicht verständlich und veränderbar ist. 


Die Rede ist von erwachsenen Menschen, die an ADHS, dem Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom leiden. Im deutschen Sprachraum ist diese Diagnose für Erwachsene noch weitgehend unbekannt, sie wird lediglich für Kinder –und Jugendliche akzeptiert. 


Studien in der USA gehen allerdings davon aus, daß ein erheblicher Anteil der betroffenen Kinder auch als Erwachsene noch behandlungsbedürftige Störungen aufweisen, eine Einschätzung, die von Prof. K.-H. Krause von der Münchener Universitätsklinik Innenstadt geteilt wird. Das würde bedeuten, daß zwei bis sechs Prozent aller Erwachsenen an dieser Störung litten.


Menschen mit dieser Störung sind nur schwer in der Lage, die alltäglichen Dinge ihres Lebens zu organisieren. Sie sind extrem vergesslich und ablenkbar. Sie fangen viele Dinge an, führen aber häufig Angefangenes nicht zu Ende. Sie suchen hochgradige Stimulierung, halten ständig Ausschau nach Neuem. Sie sind immer auf dem Sprung, ertragen kaum Ruhe. Sie sind ungeduldig und leicht zu frustrieren. Sie sind sehr leicht kränkbar, andererseits aufgrund der ihnen eigenen überschießenden Impulsivität selbst durchaus undiplomatisch und verletzend.


Wen wundert es, daß diese Menschen einerseits oft anecken und andererseits selbst häufig verzweifelt sind über ihre Unfähigkeit, so zu leben, wie "es sein sollte".


ADHS ist, soweit die heutigen Erkenntnisse reichen, eine genetisch bedingte Störung, die die Überträgersubstanzen im Stirnhirn betreffen. Die Störung ist jedoch noch wenig erforscht. Nur soviel ist gewiß, sie ist nicht vollkommen heilbar.

Dennoch gibt es wirkungsvolle Behandlungsmethoden. In der Regel sind Medikamente notwendig. Meist reichen die alleine aber nicht aus, um das vielfältige Störungsbild zu behandeln. Häufig ist eine Psychotherapie angebracht, insbesondere dann, wenn das Selbstbewußtsein oder die sozialen Beziehungen des Betroffenen in Mitleidenschaft gezogen wurden. 


Leider gibt es in Deutschland weder eine auf diese Störung spezialisierte Klinik, noch ein Netz von Selbsthilfegruppen, in der Betroffene ihre Erfahrungen austauschen könnten. Auch ist bei Ärzten und Therapeuten das Krankheitsbild zu wenig bekannt, so daß Betroffene oft eine lange und mühevolle Odyssee erleiden müssen, ehe sie Hilfe bekommen, wenn überhaupt.


So entsteht viel unnötiges seelisches Leid und für den Betroffenen das Gefühl, eben anders als die anderen und sicherlich nicht "himmeltauglich" zu sein. 


Es ist zu hoffen, daß hier bald eine Bewußtseinsänderung einsetzt, die Menschen mit ADHD nicht länger ausgrenzt.